15 Jahre nach Tschernobyl:

Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe

Edmund Lengfelder und Christine Frenzel / Seite 2

UNO-Organisation, in Zusammenarbeit mit der Kommission der Europäischen Gemeinschaft CEC, den Organisationen für Ernährung und Landwirtschaft der UNO (FAO), der Weltgesundheitsorganisation WHO und anderen internationalen Organisationen im Jahr 1990 eine große Untersuchung der Folgen der Tschernobyl-Katastrophe durchgeführt.

Ziel dieses „Internationalen Tschernobyl-Projekts“ war, die gesundheitlichen Folgen und die Wirksamkeit der von der Sowjetregierung getroffenen Schutzmaßnahmen für die betroffenen Gebiete zu analysieren. An den Untersuchungen, die von Januar 1990 bis Februar 1991 dauerten, nahmen 500 sowjetische und 200 ausgewählte Wissenschaftler aus 25 westlichen Staaten teil.

Im Mai 1991 wurde das Ergebnis auf einem von der IAEA organisierten Internationalen Kongress in Wien der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Die wichtigste Aussage der IAEA lautete: „Es gab signifikante Gesundheitsstörungen, die nicht mit Strahlung in Zusammenhang stehen, und zwar in den Bevölkerungsgruppen sowohl der untersuchten kontaminierten als auch der untersuchten unbelasteten Vergleichssiedlungen, . . aber es gab keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden konnten . . . Berichtete Abschätzungen der absorbierten Strahlendosen für Schilddrüsen von Kindern lassen einen statistisch nachweisbaren Anstieg des Auftretens von Schilddrüsentumoren in Zukunft als möglich erscheinen. Auf der Grundlage sowohl der Strahlendosen, die durch das Projekt abgeschätzt wurden, als auch der gegenwärtig akzeptierten Abschätzung des Strahlenrisikos dürften künftige Anstiege über das natürliche Auftreten von Krebsfällen und vererbte Effekte hinaus schwierig festzustellen sein, selbst mit großen und gut angelegten, langfristigen epidemiologischen Studien.“

Heftigen Protest gegen diese Erklärung und Schlussfolgerung erhob eine Gruppe von belorussischen und ukrainischen Wissenschaftlern, die in Wien im Auftrag ihrer Regierungen über eigene umfangreiche und unabhängige Untersuchungen berichten sollten. Sie berichteten über ihre Ergebnisse, dass in Belarus und in der Ukraine ein deutlicher Anstieg der Häufigkeit

von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Störungen des Immunsystems zu verzeichnen sei.

Schilddrüsenkrebs. In Belarus war bereits Ende 1990 die Inzidenz für Schilddrüsenkrebs bei Kindern gegenüber dem 10-Jahres-Mittelwert vor 1986 um das mehr als 30 -fache erhöht. Die Behauptung der IAEA „. . .keine mit Strahlung zusammenhängende Gesundheitsstörungen“ war zu diesem Zeitpunkt weder aus medizinischer noch aus wissenschaftlicher Sicht nachvollziehbar, denn sie stand im Widerspruch zu den bereits bekannten und dokumentierten Schilddrüsenkrebsfällen in Belarus. Im Jahr 1996, anlässlich des 10. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe, wurden durch das britische Fernsehen BBC Zusammenhänge, Hintergründe und Urheber für diese bewusste Falschinformation der IAEA aufgedeckt.

Der stärkste Anstieg von Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern ist im Oblast Gomel aufgetreten, dem am höchsten radioaktiv belasteten Gebiet von Belarus. Die überwiegende Zahl der Kinder war zum Zeitpunkt des Unfalls jünger als 6 Jahre, mehr als die Hälfte waren jünger als 4 Jahre. Im Jahr 1995 wurde der Höchststand in der Neuerkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs bei Kindern (0-14 Jahre) in Belarus erreicht. Bereits frühzeitig war das aggressive Wachstum und die rasche Metastasierungsneigung in andere Organe (vor allem in die Lunge) festgestellt worden. Die aufgetretenen Fälle wurden fast ausschließlich als papilläre Schilddrüsenkarzinome identifiziert.

Der Verlauf der Inzidenz der Schilddrüsenkarzinome bei den Kindern in Belarus nimmt nach dem Jahr 1995 wieder ab. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Zahl der Schilddrüsenkarzinome insgesamt rückläufig wäre. Der Effekt kommt dadurch zustande, dass mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Unfallzeitpunkt immer mehr der damals radiojod-exponierten Kinder zu Jugendlichen und Erwachsenen werden. Sie nehmen ihr Karzinomrisiko