15 Jahre nach Tschernobyl:

Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe

Edmund Lengfelder und Christine Frenzel / Seite 4

drüsenkrebs. Dort verwiesen die Fachleute der WHO darauf, dass die ungewöhnlich hohe Zahl der bisher in der Folge der Tschernobyl-Katastrophe aufgetretenen Schilddrüsenkarzinome – besonders bei den jungen Menschen mit den bisher verwendeten Risikofaktoren (aus der Untersuchung der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki) für das Schilddrüsenkarzinom nicht erklärbar sei.

Die WHO entwickelte aus dem zeitlichen Verlauf der bisher aufgetretenen Fälle von Schilddrüsenkarzinomen bei Kindern eine Prognose: Von allen Kindern aus dem Oblast Gomel, die zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe zwischen 0 und 4 Jahre alt waren, werden ein Drittel im Laufe ihres Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken, d. h. allein in dieser Region sind das mehr als 50 000 Menschen! Erweitert man diese Prognose auf alle Altergruppen (auch Jugendliche und alle Gruppen der Erwachsenen) der zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe lebenden Personen im Gebiet Gomel, dann sind alleine dort weit über 100 000 Schilddrüsenkrebsfälle in der Folgezeit zu erwarten.

Andere Tumorarten. In der Folge der Tschernobyl-Katastrophe ist in der Bevölkerung der Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle am stärksten, aber auch bei anderen Tumorarten und bei vielen nicht bösartigen Erkrankungen ist ein massiver Anstieg zu verzeichnen. Im Gebiet Gomel ist der Jugenddiabetes im Vergleich zur Zeit vor der Katastrophe um das Dreifache angestiegen. In der wissenschaftlichen Literatur wird die Vermutung diskutiert, dass dies eine Folge der Belastung der Bauchspeicheldrüse durch Radiojod ist.

Im Oblast Gomel hat im Zeitraum 1989 bis 1999 die Häufigkeit aller Krebserkrankungen deutlich zugenommen. In dieser Zeit stiegen die Krebsfälle von 240,8 auf 346,0 pro 100 000, d. h. vom niedrigsten zum höchsten Niveau in der Republik Belarus. Der größte Anstieg bei Krebserkrankungen ist in den Rajons Wetka, Bragin, Choiniki und Narowlja aufgetreten. Das sind genau diejenigen Landkreise, die am stärksten strahlenbelastet sind. Bei Männern betreffen die Tumoren am häufigsten Lunge, Magen, Haut und Prostata, bei den Frauen sind es vor allem Tumoren von Brust, Gebärmutter, Magen und Haut.

Der Brustkrebs der Frauen nimmt unter den Krebsarten eine besondere Stellung ein. In den vergangenen 10 Jahren nahm dieser Tumor ständig zu und steht heute sowohl in der Republik Belarus als auch im Oblast Gomel neben dem Schilddrüsenkrebs an vorderster Stelle unter den bösartigen Erkrankungen. Im Vergleich zum Jahr 1988 hat sich bis Ende 1999 die Zahl der Brustkrebsfälle im Oblast Gomel verdoppelt.

Im Oblast Gomel ist sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen nach den Angaben der zuständigen Kliniken ein Anstieg bei der Leukämie um etwa 50% im Vergleich zum Zeitraum vor der Katastrophe zu verzeichnen. Aus den Erfahrungen aus Hiroshima und Nagasaki hätte man in der Region Tschernobyl bei Leukämien in der Bevölkerung einen stärkeren Anstieg erwartet. Allerdings ist bisher unbekannt, ob der Grund dafür in der unterschiedlichen Art und im Zeitverlauf der Strahlenbelastung und bei möglichen anderen Faktoren liegt.

Pathologien im Bereich der Fortpflanzung. Bereits kurze Zeit nach der Reaktorkatastrophe wurde in der Ukraine eine starke Zunahme von Pathologien auffällig, die mit der Fortpflanzung des Menschen zusammenhängen. Sie betreffen vor allem die Schwangerschaft und die Leibesfrucht. In einem Statusbericht des Ukrainischen Gesundheitsministeriums über die Entwicklung des Gesundheitswesens 1986-1988 wurde auf den deutlichen Geburtenrückgang, die erhöhte Rate an Schwangerschaftsunterbrechungen und auf die erhöhte Anzahl verschiedener Gesundheitsstörungen der Leibesfrucht und bei Schwangerschaften hingewiesen. Die mit der Fortpflanzung des Menschen zusammenhängenden Erkrankungen haben sich im Zeitraum 1986-1990 deutlich erhöht. In der Tabelle 1 ist die Zunahme gegenüber dem Vergleichszeitraum 1982-1985 dargestellt.