15 Jahre nach Tschernobyl:

Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe

Edmund Lengfelder und Christine Frenzel / Seite 6

Dosisbeitrag in der Strahlenbelastung der Bevölkerung verantwortlich sind. Die üblichen Belastungskartierungen beziehen sich dagegen auf Cäsium-137.

Aktuelle Untersuchungen der Arbeitsgruppe Lengfelder zum Auftreten von Schilddrüsenkrebs nach Tschernobyl im Westen stehen vor dem Abschluss. Obwohl Bayern höher durch den Tschernobyl-Fallout mit radioaktivem Jod belastet wurde, musste die Studie in der benachbarten Tschechischen Republik durchgeführt werden, weil dort seit langem ein umfassendes Krebsregister geführt wird. Es zeigte sich bei den Erwachsenen dort bereits wenige Jahre nach der Reaktorkatastrophe ein signifikanter Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle. In Bayern ist deshalb ebenfalls ein Anstieg, und zwar höher als in Tschechien, zu vermuten. Die Klärung dieser Frage ist allerdings schwierig, da es in Deutschland immer noch kein flächendeckendes Krebsregister gibt.

Die atomare Katastrophenschutzvorsorge ist in Deutschland ungenügend. Es ist eine erwiesene Tatsache, dass nach einer Reaktorkatastrophe nicht nur Kinder einem stark erhöhtem Risiko des strahleninduzierten Schilddrüsenkarzinoms ausgesetzt sind, sondern auch alle Altersgruppen der Erwachsenen. Trotzdem haben die Mitglieder der deutschen Strahlenschutzkommission (SSK) u.a. folgende Empfehlung abgegeben: „Als Konsequenz aus der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat die deutsche Strahlenschutzkommission empfohlen, die Eingreifrichtwerte für die Verabreichung von Kaliumjodid im Falle eines Reaktorunfalls zu senken und insbesondere Kinder und Schwangere rechtzeitig mit Jodtabletten zu versorgen“...... „Da das Risiko strahleninduzierter Schilddrüsenkarzinome nach den vorliegenden strahlenbiologischen Erkenntnissen nur bei Kindern und allenfalls jungen Erwachsenen erhöht ist, empfiehlt die SSK, Personen älter als 45 Jahre von der Jodblockade der Schilddrüsen auszunehmen“ (Quelle: Ch. Reiners, Internist 39, 592-593 [1998])

Diese Empfehlung betrachtet nur die jüngere Hälfte der deutschen Bevölkerung als schutzbedürftig. In Wirklichkeit zeigen die Summen der jährlichen Neuerkrankungen der

Schilddrüsenkrebsfälle nach der Tschernobyl-Katastrophe in verschiedenen Altersstufen im Oblast Gomel ein anderes Bild. Für die Altersgruppen zwischen 19 Jahren und 64 Jahren hat die Reaktorkatastrophe bereits bis Ende 1998 eine 5

Tabelle 2: Schilddrüsenkrebs im Oblast Gomel, Belarus, nach der Tschernobyl-Katastrophe. Summe der jährlichen Neuerkrankungen in den verschiedenen Altersstufen. Vergleich der Beobachtungszeiträume 13 Jahre vor und 13 Jahre nach dem Reaktorunfall.

Altersstufe 1973-1985 1986-1998 Zunahme
0-18 7 407 58-fach
19-34 40 211 5,3-fach
35-49 54 326 6-fach
50-64 63 314 5-fach
>64 56 146 2,6-fach

Diese Daten über die tatsächlichen Erkrankungsfälle in Belarus zeigen, dass die von der Beraterkommission SSK des Umweltministers vom Schutz ausgeschlossene Gruppe der über 45-Jährigen (etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung) das 5- 6-fach erhöhte Risiko haben, nach einer Atomkatastrophe an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Durch diesen Ausschluss sparen die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke viele Millionen DM an Vorhaltekosten der Tabletten für die Jodblockade der Bevölkerung. Im Einzelhandel kosten die Tabletten für die Jodblockade für eine Person (10 Stück Kalium jodatum 0,1) etwa 15 DM, allerdings sind sie bisher bei den meisten Apotheken nicht vorrätig.

In Deutschland werden Jodtabletten nur für die Bevölkerung im Nahbereich der Atomkraftwerke gelagert. Wird die zentrale Ausgabe von Jodtabletten gemäß Katastrophenschutzrichtlinien von einer vorausgehenden Ermittlung eines Dosiseingreifrichtwertes, also von Messungen des bereits aus dem Atomkraftwerk freigesetzten Radiojods abhängig gemacht, so ist die rechtzeitige Einnahme der Jodtabletten und