15 Jahre nach Tschernobyl:

Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe

Edmund Lengfelder und Christine Frenzel / Seite 7

damit ein wirksamer Schutz der Bevölkerung nicht mehr möglich.

Dieser setzt voraus, dass die Jodtabletten bereits vor der Freisetzungsphase flächendeckend an die Haushalte verteilt, dort eigentlich ständig vorrätig sein müssen. Denn die „Jodblockade“ der Schilddrüse ist nur wirksam, wenn die Jodtabletten eingenommen worden sind, bevor die radioaktiven Luftmassen den Menschen erreichen und er radioaktives Jod inkorporiert. Auch die Entfernungsbegrenzung zum Kraftwerk für die Vorhaltung der Jodtabletten in deutschen Katastrophenschutzrichtlinien geht an den tatsächlichen Erfordernissen völlig vorbei. Denn auch in über dreihundert Kilometer Entfernung zu Tschernobyl sind die Schilddrüsenkrebsfälle bei Erwachsenen mehrfach angestiegen.

Internationale Informationspolitik zu Tschernobyl-Folgen. Die Untersuchungen zum Internationalen Tschernobyl-Projekt der IAEA dauerten von Januar 1990 bis Ende Februar 1991. Allein im Jahr 1990 lag in Belarus die Zahl der Neuerkrankungen an Schilddrüsenkrebs bei Kindern mehr als 30-fach über dem 10-Jahres-Mittelwert vor Tschernobyl.

Wie durch spätere tatsächlich unabhängige Forschungen und die Recherchen der BBC bewiesen werden konnte, hatte die IAEA mit ihrer internationalen Expertenkommission zum Zeitpunkt des Kongresses und der Berichtlegung 1991 bereits alle wichtigen Fakten einschließlich des histopathologischen Nachweises für den bereits zig-fachen Anstieg des Schilddrüsenkrebses bei Kindern in Händen. Die Kernaussage im Bericht der IAEA "...(es gab) aber keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden konnten" war damit eine Lüge und die gezielte Täuschung der Weltöffentlichkeit, getragen von den Mitgliedern der Expertenkommission der IAEA, den Experten der USA Prof. Mettler (Leiter der Medizinischen Expertengruppe des Internationalen Tschernobyl-Projekts) und Kollegen und den Experten der Europäischen Union, Japans etc.!

Die Satzung der IAEA zeigt, dass diese UNO-Organisation in Wirklichkeit eine Lobby-Organisation der Atomwirtschaft ist. Die wesentlichen Aufgaben und Ziele der IAEA sind in ihrer Satzung ausgewiesen. Dort steht: "Die

Internationale Atomenergieagentur (IAEA) begann ihre Arbeit am 29. Juli 1957 als eine autonome Organisation zwischen den Regierungen unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen. Es ist ihre wichtigste Funktion, den Beitrag der Atomenergie für Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit zu beschleunigen und auszuweiten....Die IAEA berät und unterstützt in technischer Hinsicht die Mitgliedstaaten (112 im Jahre 1984) bei der Entwicklung der Kernkraft....sie fördert die Anwendung von Strahlung und von Isotopen in der Landwirtschaft, Industrie, Medizin, Biologie und Hydrologie..."

Trotz des massiven Anstiegs von Schilddrüsenkrebs in Belarus nicht nur bei Kindern, sondern seit Jahren auch bei Jugendlichen und Erwachsenen verbreitete die IAEA am 13. Juni 2000 erneut weltweit eine die Tschernobyl-Folgen bagatellisierende Pressemitteilung und zitierte dabei die Aussagen des neuen Berichts von UNSCEAR, dem wissenschaftlichen Komitee der UNO für die Effekte der Atomstrahlung.

UNSCEAR erklärt: „Medizinische Strahlenfolgen des Tschernobyl-Unfalls: Es gibt keinen Hinweis auf eine größere Auswirkung für die Gesundheit der Bevölkerung, die man 14 Jahre nach dem Unfall der Strahlenbelastung zuordnen könnte, abgesehen von einem hohen Anteil an (behandelbaren, nicht tödlichen) Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern. . . . Es gibt keinen wissenschaftlichen Hinweis auf Anstiege der Inzidenz oder Mortalität an Krebs allgemein oder an nicht bösartigen Gesundheitsstörungen, die mit Strahlenbelastung in Beziehung gebracht werden könnten.“

Diese Aussage des wissenschaftlichen UNO-Komitees ist nachweislich falsch. Denn sie leugnet z. B. den massiven Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle bei den Erwachsenen und die Anstiege bei den anderen Krebsarten. Die Behauptung „abgesehen von einem hohen Anteil an (behandelbaren, nicht tödlichen) Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern“. . ist außerdem zynisch, denn „behandelbar und nicht tödlich“ gilt auf Dauer nur dann, wenn der komplette westliche Behandlungsstandard für die betroffenen Menschen voll zur Verfügung steht. Dies ist aber in Belarus und