15 Jahre nach Tschernobyl:

Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe

Edmund Lengfelder und Christine Frenzel / Seite 8

den anderen beiden GUS-Staaten nicht der Fall. Bis heute engagiert sich keine UNO, keine WHO, keine IAEA, keine EC, keine westliche Regierung in der kontinuierlichen Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Patienten mit Schilddrüsenkrebs in Belarus. Sie wird bisher zu einem erheblichen Teil durch das deutsche nicht staatliche Otto Hug Strahleninstitut - MHM gewährleistet. Allerdings bleiben inzwischen viele Patienten ohne qualifizierte Diagnostik und Behandlung, weil die Mittel nicht reichen.

Was mag der Grund für die falsche, die Tschernobyl-Folgen bagatellisierende Behauptung der UNO-Kommission UNSCEAR sein, welche die IAEA als pronukleare Lobby-Organisation der UNO im eigenen Interesse eilfertig und weltweit verbreitet? Eine Erklärung kann man finden, wenn man die Aufgabe und Zusammensetzung von UNSCEAR und die darin agierenden Personen betrachtet. UNSCEAR wurde am 3. Dezember 1955 u. a. mit der Aufgabe gegründet, „in angemessener und nützlicher Form .... über beobachtete Pegel von ionisierender Strahlung und Radioaktivität in der Umwelt und .... über wissenschaftliche Ergebnisse zu den Effekten von ionisierender Strahlung auf den Menschen und die Umwelt“ zu berichten.

Die Mitglieder von UNSCEAR werden nicht z. B. durch einen internationalen Fachkongress gewählt. Vielmehr setzt sich UNSCEAR aus Wissenschaftlern zusammen, welche die Regierungen von 21 Staaten bestimmen, die Atomwaffen besitzen bzw. an der Nutzung der Atomenergie starkes Interesse haben. Sie entsenden jeweils einen Wissenschaftler als Repräsentanten dieses Staates als Mitglied von UNSCEAR. Die Regierungen können weitere Wissenschaftler als Berater entsenden. Damit wird für jedermann klar, dass in diesem Gremium nicht unabhängige Wissenschaftler und Fachleute entscheiden, sondern die weisungsgebundenen Abgesandten von Regierungen, die deren pronukleare Interessen vertreten. Und so wundert es nicht mehr, dass Prof. Mettler für die USA, Prof. Iljin für Russland und viele andere, die bereits 1991 beim Internationalen Tschernobyl-Projekt mit falschen Behauptungen die Weltöffentlichkeit getäuscht haben, weiterhin als Vertreter ihrer

Staaten im UNSCEAR-Komitee sitzen und Tschernobyl-Folgen bagatellisieren.

An diesen Beispielen wird klar, wie nach außen hin unabhängig voneinander erscheinende Gremien der internationalen Politik in Wirklichkeit durch dieselben Personen gebildet und beraten werden. Die Weltöffentlichkeit wird in dem Irrglauben gehalten, die Feststellungen von IAEA und von UNSCEAR gingen auf die Untersuchungen verschiedener, von einander unabhängiger Experten zurück. Deswegen seien die Aussagen glaubwürdig. In Wirklichkeit handelt es sich um identische Personen, die zudem als abgesandte Repräsentanten von Regierungen klaren Vorgaben und Interessensbindungen unterliegen und diese in dem UNO-Komitee auch vertreten.

In Fragen nationaler Regelungen des Strahlenschutzes für die Bevölkerung und beruflich Belastete berufen sich die meisten Staatsregierungen auf die Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission ICRP. Auch dieses Gremium wird nicht durch unabhängig gewählte Experten gebildet, sondern unterliegt dem direkten Einfluss pronuklear eingestellter Regierungen. Denn viele Mitglieder des UNSCEAR-Komitees sind gleichzeitig auch die Mitglieder der ICRP, wie Mettler, Iljin und andere. Deshalb ist es wiederum nicht verwunderlich, dass die Empfehlungen der ICRP den Wünschen der Atomwirtschaft in der Regel weit entgegenkommen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO war bisher in ihrer Berichterstattung über Tschernobyl-Folgen sehr zurückhaltend. Insbesondere hat sie den fortgesetzt unrichtigen Behauptungen der UN-Organisationen IAEA und UNSCEAR nicht widersprochen. Die Hintergründe sind nur wenigen bekannt. Denn zwischen der Internationalen Atomenergieagentur IAEA und der Weltgesundheitsorganisation WHO besteht ein Vertrag über die Art des gegenseitigen Umgangs [Res. WHA 12/40 vom 28.05.1959]. Darin haben die IAEA und die WHO u. a. vereinbart:

Art. I.1:„ . . . sie werden in enger Zusammenarbeit miteinander handeln und werden sich regelmäßig in Angelegenheiten des gemeinsamen Interesses konsultieren.“

Art. I.2:„ . . . wird es von der WHO anerkannt, dass die IAEA vor allem die Auf-