15 Jahre nach Tschernobyl:

Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe

Edmund Lengfelder und Christine Frenzel / Seite 9

Aufgabe hat, Forschung, Entwicklung und praktische Anwendung der Atomenergie für friedliche Zwecke weltweit zu ermutigen, zu fördern und zu koordinieren.“

Art. III.1: „Die IAEA und die WHO erkennen an, dass es notwendig sein kann, gewisse Einschränkungen zur Wahrung vertraulicher Informationen, die sie erhielten, anzuwenden.“

Dadurch kann die IAEA verlangen und darauf vertrauen, dass Forschungsergebnisse z. B. zu den tatsächlichen Gesundheitsfolgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, die für die Interessen und Ziele der IAEA nachteilig sind, den Status der Vertraulichkeit erhalten und deshalb von der WHO, trotz detaillierter Kenntnis, der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden dürfen.

Ein Super GAU ist in Deutschland jederzeit möglich. Atomkraftwerke sind komplizierte High-Tech-Systeme, in denen physikalische Prozesse, eine Fülle verschiedener Materialien, Ingenieurtechnik und der Faktor Mensch in einer fein abgestimmten Weise zusammenwirken müssen. Im Gegensatz zu anderen Hochtechnologien beinhaltet aber ein Atomkraftwerk ein ungeheures Schadenspotential. Gerät diese Technik außer Kontrolle, so sind

Beispiele für unerwartete Vorkommnisse in Bereichen der Hochtechnologie, die trotz der ausgefeiltesten Sicherheitskonzepte in Katastrophen mündeten, gibt es reichlich: Der Absturz des TWA-Jumbos, bei dem eine unter Flugzeugbauern nicht auszuschließende Selbstentzündung in den Treibstofftanks als Ursache vermutet wurde. Der Absturz der Raumfähre Challenger, einem Meisterwerk der weltweit als technisch führend eingestuften NASA, wurde durch die bei Insidern bekannten Schwachstellen in den Dichtungsringen der Raketenstufen ausgelöst.

Besondere Betroffenheit schuf die Katastrophe des ICE 884 „Wilhelm Conrad Roentgen“ am 3. Juni 1998. An der Brücke von Eschede zerschellte ein Wunderwerk deutscher Ingenieurkunst, ein Glanzstück an Technik, Sicherheit und Fortschritt, und riss 100 Menschen in den Tod. Nicht durch höhere Gewalt oder

Fremdeinwirkung: Der Bruch eines Radreifens hat die Katastrophe verursacht. An Sicherheitseinrichtungen fehlt es dem ICE- System wahrlich nicht. Ausgeklügelte Überwachungs-, Kontroll- und Informationssysteme gibt es im Zug und entlang der Fahrstrecke. Die Radreifen gehören allerdings nicht zu den automatisch überwachten Komponenten. Inzwischen wurde bekannt, Mängel in der regelmäßigen technischen Überprüfung der Räder, das Überschreiten von Wartungsintervallen und andere menschliche Versäumnisse seien daran schuld, dass das sich anbahnende Versagen nicht rechtzeitig verhindert wurde.

Die Berechnungen für die Eintrittswahrscheinlichkeit eines SuperGAUs in einem deutschen AKW z. B. in der deutschen Risikostudie – berücksichtigen nur das Versagen der Technik. Und bereits da liegt die Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Katastrophe in Deutschland bei 19 AKW und 30 Jahren Betriebszeit bei 2%!

In den offiziellen Risikoanalysen wird menschliches Versagen regelmäßig ausgeklammert, welches ja Ursache der Tschernobyl-Katastrophe war. Ausgeklammert wird insbesondere auch das Herbeiführen eines SuperGAUs durch terroristische Eingriffe, von innen wie von außen. Die deutschen AKW halten einer gezielten Kollision mit einem Überschall-Kampfjet oder einer schweren Passagiermaschine nicht stand. Der Terroranschlag auf das World Trade Centre in New York am 11.09.2001 hat allen klar gemacht, dass es keinen Schutz gegen ein derart gezieltes Vorgehen gibt: Weder die Luftüberwachung, noch die Geheimdienste noch die militärischen Möglichkeiten der führenden Industrienation der Welt konnten diesen Terrorakt verhindern. Staaten werden so durch fundamentalistische „Selbstmordkrieger“ erpressbar, sie können die Bevölkerung nicht schützen.

Lehren für Deutschland. Die Erfahrungen aus Tschernobyl haben gezeigt, dass nach einer Katastrophe in einem AKW

Bei einem deutschen AKW gibt es nach einem SuperGAU auf Grund des anderen