15 Jahre nach Tschernobyl:

Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe

Edmund Lengfelder und Christine Frenzel / Seite 10

Reaktorprinzips keinen vergleichbaren Brand wie in Tschernobyl und somit keinen großen Auftrieb für die nukleare Freisetzung und großflächige Verteilung. Allerdings wäre das Freisetzungsinventar 3-5 mal größer als in Tschernobyl. In Belarus haben 400 000 Menschen ihre Heimat verlassen müssen. In Deutschland kann wegen der 7

Bei der riesigen Zahl von Menschen, die von einer Evakuierung betroffen sein können, werden dann Barackenlager und Arbeitslosigkeit zur langfristigen Normalität. Von wem und wo sollen für Millionen Menschen neue Städte und Dörfer gebaut werden? Wovon sollen sie dann leben? Dass sie an ihrem neuen „Wohnort“ Arbeit finden, ist auszuschließen. Denn obwohl Deutschland auf dem dritten Platz der Weltwirtschaftsskala steht, gelingt es

In Deutschland würde dann in der Sperrzone und der Zone strikter Kontrolle dem Eigentümer der Gebrauch seines Grundstückes entzogen. Hätte er Anspruch auf Entschädigung? Wenn wir 10 000 km² Sperrzone bzw. Zone strikter Kontrolle in den GUS-Staaten als Beispiel auf Deutschland übertragen und einen angenommenen Grundstückspreis von nur DM 100 pro m² ansetzen, so ergibt sich ein Entschädigungsbedarf von 1 000 Milliarden DM. Dem stehen aber nur eine Haftungssumme von 500 Millionen DM durch die Betreiber und 500 Millionen DM Staatshaftung gegenüber. Schließt man Gebäude, Wirtschaftsgüter und die geschätzten Gesundheitsschäden mit ein, so ergibt sich eine reale Schadenssumme von bis zu 12 000 Milliarden DM. Das ist etwa 15 mal der Bundeshaushalt. Deshalb gibt es keinerlei Entschädigung. Die Menschen bleiben auf ihren Schäden sitzen.

Für Risikoabschätzungen, Schadensermittlungen und -regulierungen ist niemand kom-

petenter als die Versicherungswirtschaft. In den allgemeinen Versicherungsbedingungen aller deutschen Haftpflichtversicherer steht jedoch geschrieben: „Nicht versichert sind ohne Rücksicht auf mitwirkende Ursachen Schäden .... durch Kernenergie.“ Mit Fußnote ist vermerkt: „Der Ersatz dieser Schäden richtet sich in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Atomgesetz. Die Betreiber von Kernanlagen sind zur Deckungsvorsorge verpflichtet und schließen hierfür Haftpflichtversicherungen ab.“ Diese Pflichtversicherung deckt aber – mit politischer Billigung

Es widerspricht den Prinzipien der Ethik und der Gerechtigkeit, Risiken und mögliche Schäden mit solch ungeheurem Ausmaß aus privatwirtschaftlicher Tätigkeit der Allgemeinheit aufzubürden und von den Energiekonzernen, die Atomkraftwerke betreiben, keine betriebliche Haftpflicht in der Größenordnung des real möglichen Schadens zu verlangen, wie dies in allen anderen Wirtschaftsbereichen Standard ist.

Aus den Erfahrung in Tschernobyl und bei der in Deutschland vorherrschenden materialistischen Güterabwägung ergibt sich der Schluss und die unverzichtbare Forderung: Wenn schon das grundgesetzliche Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit von der Politik zu wenig beachtet wird, dann muss zumindest die Möglichkeit geschaffen werden, im Schadensfall bei den Betreibern der AKW Regress zu nehmen. Das ist nur mit einer vollen Haftpflichtversicherung für die deutschen Atomkraftwerke möglich.

Es ist zu hoffen, dass die Politik und die Bevölkerung endlich den Ernst der Lage begreifen und aus den Erfahrungen der 15 Jahre nach Tschernobyl Lehren ziehen und handeln. Denn es gibt weder Sicherheit gegen technisches Versagen, noch gegen menschliches Fehlverhalten oder gar einen zielgerichteten terroristischen Angriff. Die politische Klugheit und Verantwortung gebieten jetzt, das Bedrohungspotential durch Atomkraftwerke für die Gesundheit und die wirtschaftlichen