Eindrücke einer Studienfahrt nach Shitkowitschi

Eindrücke einer Studienfahrt nach Shitkowitschi vom 25 05 - 02 .06.2002

Die 41 Teilnehmer der Studienfahrt starteten gegen 6.00 Uhr morgens im modernen Reisebus in Böhl-lggelheim. Die Reise führte uns quer durch Deutschland Richtung Dresdener Tor und weiter bis zur polnischen Grenze. Nach kurzem Aufenthalt fuhren wir auf holprigen Autobahnen und Landstraßen in die Nacht hinein.

Sonntags vormittags kamen wir gegen 11.00 Uhr an die polnisch-weißrussische Grenze. Hier hieß es Geduld bewahren. Nachdem die Pässe zigmal eingesammelt und wieder ausgeteilt wurden, die Zöllner mit ernster Miene Gesichtskontrollen durchführten und für jeden Teilnehmer eine Versicherung abgeschlossen werden musste, durften wir endlich nach zweieinhalb Stunden die Reise fortsetzen( schnellste Abfertigung bis heute" - Anmerkung der Reiseleitung). Es ging weiter auf einer schnurgeraden Straße durch die Stadt Brest dann an weiten Feldern und dichten Wäldern vorbei. Hier konnte man Menschen sehen, die ähnlich arbeiteten wie die Bauern von 50 .Jahren in Deutschland. Die Felder werden mit Hilfe von Pferden bestellt, die Wiesen mit Sensen gemäht und die Kartoffelkäfer von Hand abgesammelt.

Ungefähr zwei Stunden später erreichten wir die Stadtgrenze von Shitkowitschi. Eine Folkloregruppe erwartete unseren Bus. Wir wurden mit Musik, Tanz und Blumen und traditionell mit Brot und Salz, Wodka und Sekt empfangen. Eine Stunde später setzten wir unsere Fahrt fort. Bald erblickten wir die ersten Gebäude der Stadt. Die Aufregung stieg an, als wir auf dem Platz vor dem ,Haus der Kultur` hielten. Hier warteten die Gastgeber seit Stunden auf unsere Ankunft. Nach einer herzlichen Begrüßung zwischen Russen und Deutschen trennten sich schnell die Wege der Studienfahrtteilnehmer. Manche fuhren in älteren Autos davon, andere gingen zu Fuß.

Mein Weg führte mich zum Stadtrand. Wir fuhren im geliehenen Auto an relativ gepflegten, aber auch an maroden Holzhäusern, die sich hinter Holzzäunen verbergen, vorbei. Manchmal stehen neuere Steinhäuser dazwischen. Teils gleichen die Straßen breiteren Feldwegen. Am Wegrand sah man vereinzelt angepflöckte Pferde stehen und wildlebende Hunde herumstreunen.

In Qzörny angekommen, betraten wir einen maroden Plattenbau mit neun Etagen. Rundherum gab es noch mehr von diesen Wohnblöcken. Alle sind von hellem, feinem Sand umgeben. Das Treppenhaus hat schmutzige, dunkle Wände, Leitungen hängen herunter, Briefkästen sind verbogen und ein übler Geruch liegt in der Luft. Aber unser Ziel, die kleine Drei-Zimmer-Wohnung, war spiegelblank und sehr ordentlich. Nach einer kurzen Erfrischungspause trafen wir uns zum Essen. Die Hausfrau hatte ein sehr schmackhaftes Mahl aus Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Brot und - zur Feier des Tages - aus Hühnerfleisch zubereitet. Obwohl meine Gastgeber als Lehrer genau wie die Ärzte schon drei Monate kein Gehalt bekommen hatten, wurde ich mit allem, was sie irgendwie organisieren konnten, verwöhnt. Hier funktioniert die Familien- und Nachbarschaftshilfe gut.

In erster Linie kam ich nach Shitkowitschi, um meine Gastkinder und deren Familien zu besuchen. Mein Weg führte mich so des Öfteren zum Basar, um frisches Obst und Joghurt für die Kinder zu kaufen. Vor dem Tor zum Basar beobachtete ich ein paar ältere Frauen, die durch den Verkauf von Gartenerträgen ihre karge Rente aufbessern wollten. Gurken, Dill, Frühlingszwiebeln oder auch nur ein einzelner Liter Milch wurden hier angeboten. Oft saßen die Frauen stundenlang da, um umgerechnet ein paar Cent zu verdienen, falls überhaupt ein Käufer vorbeikam. Der Basar setzt sich aus verschiedenen Ständen zusammen, die Lebensmittel, Kleidung oder Dinge des täglichen Lebens anbieten. Leider sind die Waren so teuer, dass fast niemand etwas kaufen kann. Es gibt Bananen, Apfelsinen, gefrorenes Hackfleisch, Fische, Paprika, Nudeln, Kaffee, ~I, Zucker, Joghurt usw. Für Bananen zahlte ich etwa so viel wie in Deutschland. In der Stadt findet man auch kleine Geschäfte. Die Menschen müssen sich beim Einkaufen aber auf die nötigsten Dinge beschränken wie z. B. Brot oder Milch, alle anderen Waren sind in der Regel nur zum Anschauen. Viele Weißrussen versuchen sich mit Gemüse aus ihren Gärten und Kleinviehhaltung in Schuppen zu ernähren. In vielen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen erfuhr ich häufig eine Menge über wirtschaftliche und soziale Probleme und über Gesundheitsprobleme. Die Versorgung mit Medikamenten ist oft schwierig und teuer.

Man bemerkt nichts von der Strahlenbelastung. Sie ist weder zu riechen, noch zu schmecken oder zu sehen. Aber durch die Nahrungskette gelangt die Radioaktivität in die Körper der Menschen. Und dies schlägt sich anscheinend auch in ihrer Gesundheit nieder.

Eine faszinierende Flusslandschaft liegt hinter den Wohnblöcken. Die Natur bietet viele Schönheiten. Alleine die große Anzahl an Störchen und Fröschen ist beeindruckend. In den Flüssen schwimmen sehr große Fische. In den weiten Wäldern leben sogar noch Wölfe. In der Nähe von Mozyr gibt es frei lebende Wisente. All die Schönheiten der Natur zu beschreiben, würde längere Zeit in Anspruch nehmen.

Zurück zur Studienfahrt: Wir besuchten auch Krankenhäuser und Kindergärten. Unter Krankenhaus versteht man hier oft eine Gemeinschaftspraxis von Arzt, Zahnarzt, Apotheke mit angeschlossener Pflegestation. Hier konnte man sich nur wünschen, nicht zu erkranken! Die Deutschen sorgen schon für ausgediente Krankenbetten, bezogen mit Bettwäsche, ebenfalls gespendet in Deutschland. Das eine oder andere Gerät ist schon erneuert worden. Aber es gibt noch eine Menge zu renovieren. Z. B. der Bodenbelag ist total kaputt, sodass ein Mitreisender fast stürzte. Die Leitungen hängen teilweise von den Wänden. Die sanitären Einrichtungen sind verrostet oder defekt. Von medizinischer Versorgung mit unterschiedlichen Medikamenten können die Ärzte nur träumen. Hier muss das Personal gut improvisieren können. Von unseren gewohnten Standards in Krankenhäusern ist man hier meilenweit entfernt. Was wir hier im Dorf Ludenewitschi sahen, war teilweise erschreckend. Aber es wird daran gearbeitet, die Situation zu verbessern.

Der gegenüberliegende Kindergarten wurde auch mit deutscher Hilfe renoviert. Im Moment waren die Heizanlage und das undichte Dach an der Reihe. In den Räumen gibt es große Schimmelpilzstellen durch die Feuchtigkeit.

Mittwochs fuhren wir nach Mozyr. Leider regnete es in Strömen und wir konnten unsere geplanten Programmpunkte vergessen. In der Stadt besichtigten wir eine Manufaktur, die Korbwaren, Stickereien und Tonfiguren herstellen. Alles wird in traditionellen weißrussischen Mustern gefertigt. Bei einem hohen Geräuschpegel sitzen die Frauen an ratternden Nähmaschinen acht Stunden täglich über ihrer Arbeit. Im unteren Teil der Manufaktur fertigt man Tonfiguren, die in großen Öfen bei hohen Temperaturen gebrannt werden. Die Menschen - meist Frauen - arbeiten ohne Klimaanlage und ohne Maßnahmen zur Erleichterung der Arbeitsbedingungen.

Im Übrigen ist Mozyr noch strahlenbelasteter als Shitkowitschi, das zwei Autostunden entfernt liegt. Z. B. ist es den Leuten hier nicht erlaubt, Gärten zu haben.

Am Donnerstag, lud uns die Musikschule Shitkowitschi zum Konzert ein. Wir verbrachten einen schönen eindrucksvollen Nachmittag, bei bester Unterhaltung. In dem renovierten Konzertsaal präsentierten sich die Kinder in festlicher Kleidung und großen Schleifen in den Haaren. Auch diese Farbe für die Renovierung des Saales stammt aus Deutschland. Immer wieder bedankten sich die Menschen bei uns Deutschen.

Nach diesem Höhepunkt des Tages folgte gegen 18.00 Uhr der zweite. Alle weißrussischen Familien und Gäste trafen sich in der Schule Nr. 1. Wir feierten zusammen ein großes Fest - unser Abschlussfest. Natürlich gehörten auch Live Musik und Tanz dazu, ganz wie es hier Brauch ist. Für das leibliche Wohl sorgten die Studienfahrtteilnehmer. Aus Wurstkonserven, Käse, Pfälzer Kartoffeln, Tomaten und Gurken wurde schon am Morgen ein großes Buffet vorbereitet. Vor allem die weißrussischen Familien staunten über das Angebot und langten ordentlich zu. Es wurde bis in den Morgen getanzt. So viele glückliche Gesichter schienen uns zu bestätigen, dass alle Sorgen und Nöte heute etwas in den Hintergrund getreten waren.

Unseren letzten Tag, den Freitag, verbrachten wir bei unseren Gastkindern in der Region. Der Tag verging wie im Flug. Dann kam abends die Zeit, den Koffer zu packen. Leider waren die Tage so schnell vorbei. So viele Eindrücke waren geblieben und wollten verarbeitet werden. Der letzte gemeinsame Abend in der Gastfamilie war schon etwas wehmütig verlaufen.

Samstags morgens ging es gegen 9.30 Uhr mit einem geliehenen Auto nebst Chauffeur zum Abfahrtstreffpunkt. Heute waren noch mehr Menschen hier versammelt als bei unserer Ankunft. Ich war sehr erstaunt, als ich alle "meine" Familien hier entdeckte. Sie waren mit Kind und Kegel gekommen, mich zu verabschieden. Es war nicht nur bei mir so, fast allen erging es ähnlich. Diese Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die uns die ganze Zeit über entgegengebracht wurden, kann man leider nicht so richtig beschreiben und in Worte fassen. Das muss man selbst erleben. Dieser Meinung schlossen sich alle Stufeinfahrtteilnehmer an.

Als der Bus endlich startete, floss so manche Träne. Dann ging es los mit der 34stündigen Heimreise. Diesmal war es in der ersten Stunde recht still in der sonst so munteren Gesellschaft. Es dauerte eine Weile, bis wir den Zoll erreichten Nach circa zwei Stunden war es wieder geschafft und wir fuhren durch Polen zu rück.

Als wir sonntags nachmittags in Böhl-lggelheim eintrafen, waren alle ziemlich erledigt und froh, wieder zuhause zu sein.

Alles in allem war es eine sehr interessante Reise, die ich jedem empfehlen kann. Viele Dinge lassen sich nicht beschreiben. Oft glaubt man in Weißrussland ist die Zeit irgendwann stehen geblieben. In der Stadt Shitkowitschi kennt man zwar viele der modernen Errungenschaften, man hat aber hier mit altmodischen und altertümlichen Methoden Vorlieb zu nehmen. Man muss das persönlich erleben, wie alles läuft" dort in Weißrussland. Es lässt sich schlecht beschreiben.

Viele Grüße

Ihre Vereinskameradin Margret Schmitt